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Letzte Aktualisierung: 26. Mai, 2004 | Seite drucken

Enzyclopaedia Taiyonoshimae

Die Taiyonjin als ethnologische Minderheit in Ao-Lai
Wie in vielen Kulturen gibt es auch in Ao-Lai zugewanderte Bevölkerungsgruppen, die sich als Minderheit verstehen, wenngleich sie im Laufe der Geschichte im kulturellen Umfeld der ao-laischen Bevölkerungsmehrheit voll integriert worden sind. Meist unterscheiden sich solche Minderheiten nur dadurch von den anderen Bevölkerungsgruppen, daß sie spezifische kulturelle Eigenheiten entwickelt oder bewahrt haben.

Eine solche ethnologische Minderheit stellen die sog. ”Shintaiy” dar. Sie bewohnen in einer Art offener Enklave eine der ao-laischen Inselgruppen und gelten aufgrund ihres autonomen Status als eine Besonderheit. Um zu verstehen, was die Shintaiy von den übrigen Ao-Lai unterscheidet, muß man ihren historischen Ursprung betrachten. Äußerlich unterscheiden sie sich nämlich hinsichtlich der typischen Haut- und Haarfarbe nur wenig von den Ao-Lai.

Taiyonoshima - Historischer Ursprung oder auch die verlorene Heimat der Taiyonjin
Das alte Taiyonoshima zeichnete sich durch Zonen subtropischen bis gemäßigten Klimas aus, in dem es sowohl frostige Winterperioden - insbesondere in Hochgebirgsregionen - wie auch schwül-warme Sommerperioden gab. Es war ein Land, das von fischreichen Meeresströmungen umgeben war und reich an fruchtbaren Böden für Ackerbau (vorwiegend Reis und Hirse) und Viehzucht.

Der natürliche Reichtum des Landes bildete die Grundlage für eine hoch entwickelte Kultur, jedoch hatten an diesem Reichtum tatsächlich nur die gehobenen Bevölkerungsschichten oder Gruppen höheren Standes partizipiert. Der größere Anteil der Bevölkerung bestehend aus Fischern, Bauern, Hirten, Tagelöhnern sowie einfachen Handwerkern wie Schmiede, Weber, Gerber oder Töpfer lebte eher nahe an der Armutsgrenze oder darunter. Freie Bauern, die unabhängig von adeligen Lehnsherren eigenen Boden bewirtschaften durften, existierten nur sehr wenige. Die kleineren Lehnsherren hatten meist eine Reihe von Bauern- oder Fischerdörfer unter sich, von denen sie Abgaben als Steuern eintreiben konnten. Ihr Wort war Gesetz, und ausgesprochen wurde dieses in der Regel von dem Mura, jemanden, den sie als Dorfvorsteher in einem solchen Dorf eingesetzt hatten. Dieser Mura bildete die niedrigste Stufe eines Beamten. Als wirklich vermögend konnte man eigentlich erst jene Großgrundbesitzer bezeichnen, die mehrere Bezirke der kleineren Landadligen kontrollierten. Ein jeder dieser Hochadligen unterhielt eine eigene Schar von Bewaffneten als Privatarmee und eine oder sogar mehrere befestigte Lager bis hin zu kleineren und größeren Burgen.

In der Umgebung einer solchen Burg war fast immer eine größere Siedlung oder Stadt entstanden, in der auch angesehenere Handwerker wie Waffenschmiede oder Kunsthandwerker sowie Händler und Gastwirte angesiedelt waren. Dort gab es auch Tempel und Schreine, in denen die Taiyonjin ihrer zahlreichen Götter und Geister gedachten. Die verschiedenen Klöster von Sekten unterschiedlichster Richtung waren eher außerhalb solcher Städte anzufinden. Allerdings nahmen diese Klöster einen maßgeblichen Einfluß auf die kulturelle Entwicklung des Landes, da außerhalb der Hauptstadt eine höhere Bildung nur von den Äbten und Priestern dieser Klöster erworben werden konnte. So fand man meist auch nur dort ärztliche oder medizinische Hilfe, wenn die Fähigkeiten der Kräuterheiler und Schamanen aus den Dörfern nicht mehr ausreichten.

Nanigenatsu war die Hauptstadt des Reiches und der Regierungssitz des Taikyo, der sowohl als weltliches wie auch geistliches Oberhaupt aller Taiyonjin galt. Sein Hofstaat und die zentrale Verwaltung des Reichswesens bildete einen riesigen Beamtenapparat, den man gut als “Staat im Staate” bezeichnen konnte, zumal die bürokratischen Abläufe der alltäglichen Amtsgeschäfte eine überaus komplizierte Verfahrensweise beinhalteten. In der langen Geschichte Taiyonoshimas war der Thron des Taikyo bisweilen auch schon mal von kindlichen Gestalten besetzt - minderjährige Knaben von kaum 10 Jahren oder noch jünger, die natürlich nicht in der Lage waren, die Geschicke des Reiches zu lenken, sondern lediglich als Marionetten die Insignien der Macht (Spiegel, Fächer und Schwert) in ihren allzu kleinen Händen hielten, in die sie ihnen von einem älteren Vormund hineingelegt worden waren. Ein solcher Vormund war nicht selten der vorherige Taikyo, der zwar offiziell abgedankt hatte, sich nun aber in der Lage befand, quasi inoffiziell bzw. aus dem Verborgenen die Fäden der Macht nach seinem Belieben zu ziehen. Die Amtszeit eines kindlichen Herrschers dauerte meist kaum länger als die Zeit bis zu seiner Volljährigkeit. Doch auch wenn ein Erwachsener den Thron innehatte, war der Taikyo nicht wirklich derjenige, der die Macht im Staat in der Hand hatte, sondern blieb im Grunde nur dessen Symbol. Die tatsächliche Regierungsgewalt lag beim Thronrat, an dessen Spitze der Minister zur Linken, der Minister zur Rechten und der Minister Gegenüber standen. Als oberste Staatsbeamte führten sie die Befehle aus, die sie dem Taikyo zuvor gewissermaßen in den Mund gelegt hatten.

Im Gegensatz zu den Ministern, die ihre Ämter aufgrund von Protektion durch die einflußreichen Familien des Hochadels erhielten, stammten die Beamten der unteren und mittleren Ebene des Hofstaates aus allen Teilen des Volkes, vorausgesetzt der Beamtenanwärter war des Lesens und Schreibens mächtig. Und darin lag schon die erste größere Hürde für eine erfolgversprechende Beamtenlaufbahn. Denn die Taiyonjin hatten im Laufe der Zeit mehrere Schriftarten entwickelt, die parallel zueinander für verschiedene Zwecke ihre Verwendung fanden. Und nur wer auch die Begabung hatte, schöne Kalligraphien zu zeichnen, bekam erst eine Chance am Hofe des Taikyo Karriere zu machen. Die Qualifikation für eine Beförderung bei Hofe zeichnete sich weniger durch entsprechendes Führungsverhalten oder Sachkenntnis innerhalb des bürokratischen Apparates aus als mehr durch die Fähigkeit, Gedichte zu verfassen und diese formvollendet zu rezitiern oder die Kunst der Teezeremonie zu perfektionieren. Der gesamte Hofstaat beschäftigte sich im Wesentlichen mit sich selbst und der Ausübung der sog. ”schönen Künste”, um sich und dem Taikyo die Langeweile zu vertreiben.

Distanziert von dem dekadenten Treiben bei Hofe wurde die wahre Politik im Thronrat gemacht. Dort stritten die Vertreter des Hochadels um Einfluß und Macht. Die permanenten Auseinandersetzungen zwischen den Familienclans wurden durch Pakte und Intrigen geführt, die nicht selten in bewaffneten Konflikten ausuferten. Das Reich war gewissermaßen im Zustand eines seit Generationen andauernden Kleinkrieges unter den Adligen und erfüllt von innerer Zerrissenheit. Friedlichere Zeiten hatte es in der Vergangenheit Taiyonoshimas nur dann gegeben, wenn sich zwei annähernd gleich starke Lager mit stabilen Fronten bilden konnten, die so in der Lage waren, sich drohend gegenseitig im Schach zu halten. Mit dem natürlichen Ableben eines der Führer dieser Lager brach in den internen Nachfolgestreitigkeiten das Gleichgewicht der Kräfte regelmäßig zusammen und zog damit das gesamte Reich in ein erneutes Chaos aus Krieg und Verderben.

Äußere Einflüsse beispielsweise durch exterritoriale Angreifer waren in der bekannten Geschichte Taiyonoshimas nicht erwähnt. Allerdings war das Land von je her gewaltigen Naturereignissen wie Erdbeben, Wirbelstürmen und Überflutungen schutzlos ausgeliefert. Diese Naturgewalten waren bei den Taiyonjin seit Urzeiten sehr gefürchtet. So war es nicht verwunderlich, daß in der religiösen Weltanschauung der Menschen diese Gewalten in Gottheiten mannigfaltiger Gestalt personifiziert wurden. Unzählige Götter und Dämonen wurden entweder gefürchtet, verehrt oder um Schutz und Hilfe angebetet. Hinzu kam, daß die Taiyonjin von einem tiefen Aberglauben erfüllt waren, der sie in die Hände von Wahrsagern und Propheten trieb. Und mit den verschiedenen religiösen Traditionen war auch die Verehrung der eigenen Ahnen im täglichen Leben der Menschen tief verwurzelt.

Der Untergang des alten Reiches
Nun kam vor langer Zeit über Taiyonoshima eine Periode, in der die Katastrophen eine Eskalation unglaublichen Ausmaßes angenommen hatten. Nachdem das Land nach einem der heftigsten Bürgerkriege aller Zeiten ausgeblutet, geplündert und gebrandschatzt worden war, schienen die Götter den Zorn mehrerer Jahrhunderte auf einmal über die Menschen bringen zu wollen. Es versanken ganze Städte durch Erdbeben oder verbrannten in deren Folge zu Schutt und Asche. Was danach übrig geblieben war, wurde von schweren Orkanstürmen verwüstet und in alle Winde zerstreut. Die Versuche eines Wiederaufbaus wurden durch endlose Regenfluten weggeschwemmt, wie auch viele der einst ertragreichen Ackerflächen. Die Menschen fanden keine Nahrungsgrundlagen mehr und starben an Hunger oder Seuchen, die sich rasend schnell ausbreiteten. Wer konnte, nahm was er tragen konnte oder das wenige, was ihm geblieben war, und machte sich auf den Weg zu den Fischerdörfern an der Küste - versprach doch das Meer noch Nahrung abzuwerfen. Doch auch das Meer und seine Götter schienen sich gegen die Taiyonjin verschworen zu haben. Die Fischer brachten immer weniger Fänge mit an Land.

So entschlossen sich diejenigen, die dazu noch in der Lage waren, über das Meer zu anderen Gestaden aufzubrechen. Gemeinsam stach eine Flotte von unzähligen Schiffen und Booten in See - mit meist nicht viel mehr als der Hoffnung auf mehr Glück an anderen Küstenregionen im Gepäck. Doch bald nach ihrem Aufbruch begegneten sie dem größten Ungeheuer, das sie bislang gesehen hatten - einer Tsunami. Diese Flutwelle von unglaublichem Ausmaß konnten nur die Schiffe überstehen, die weit genug auf hoher See waren, um über ihren berghohen Rücken hinausgetragen zu werden. Diejenigen, die in den Bereich des Brandungskammes gelangten, waren rettungslos verloren, gingen unter und wurden in die Tiefen des Ozeans gezogen, wie auch die Dörfer und Städte an den Küsten. Das Reich Taiyonoshima schien mit der großen Tsunami untergegangen zu sein.

Übriggeblieben von der großen Flüchtlingsflotte waren kaum mehr als ein paar Handvoll Schiffe, auf denen ein-, vielleicht zweitausend Menschen zusammengedrängt waren. Hoffnungs- und orientierungslos trieben sie zusammen einige Tage oder Wochen übers Meer, bis sie zu einer kleinen Insel kamen. Von ihren Habseligkeiten war ihnen nicht viel geblieben, nicht einmal die Aufzeichnungen über einen Weg zurück. Die Insel bot nicht genug Platz und Nahrung für alle diese Menschen, doch pflanzte sie den Keim neuer Hoffnung in ihre Herzen. Und sie begannen den unbekannten Gott dieses winzigen Eilandes anzubeten und um Hilfe anzuflehen.

Die Begegnung mit dem Affengott Hou und die Erlösung
Ihre Gebete wurden erhört, und es erschien ihnen eine affengleiche Gestalt in menschlicher Gewandung. Dies war tatsächlich ein Gott, und zwar kein geringerer als Hou, der Gott der Ao-Lai, der in einem Kampf über die Dämonin Xing Shitou (genannt Sternstein) gesiegt hatte. Aber mit ihrem Fall vom Himmelspalast hatte sie den kleinen Kontinent Ao-Lai zerschmettert, so daß davon nur eine Vielzahl von treibenden Inseln übrig geblieben war. Hou liebte neue Herausforderungen, gleich welcher Art sie auch zu sein schienen, und im Falle der geflüchteten Taiyonjin hatte ihr Überlebenswille ihn offenbar so sehr beeindruckt, daß er sich ihrer erbarmte. So versprach er den Flüchtlingen aus Taiyonoshima seine Hilfe, eine neue Heimat für sie zu finden und führte sie durch die gefährlichen Strömungen in sein Inselreich. Dort leitete er sie zu einer Inselgruppe, die seit der Sternstein-Katastrophe nahezu unbewohnt geblieben war und versorgte sie mit dem Nötigsten.

Die Taiyonjin hatten schon früher gern neue Götter in ihr Weltbild aufgenommen, doch noch nie hatte eine solche neue Gottheit so schnell einen so hohen Status erlangt wie ihr Erlöser Hou. Allerdings gab es in der Geschichte Taiyonoshimas bisher auch kaum glaubhafte Überlieferungen von göttlichen Wesen, die ihren Anhängern als lebendes Wesen in realer Person erschienen und in ihr Leben eingriff. Diesem “lebenden Gott” fühlten sich die Taiyonjin mehr verpflichtet als nur zum Dank für die Errettung aus der Seenot. Hou gab ihnen eine neue Heimat und die Chance auf ein neues Leben.

Shintaiy - die neue Heimat
Dies lag nun schon viele Generationen zurück und die Shintaiy - so nannten die Taiyonjin ihren neu gewonnenen Lebensraum (und ihre Nachkommen auch sich selbst) - konnten sich weiterentwickeln. Durch ständigen Kontakt zu den Ao-Lai hatten sie neues Kulturgut dazu gewonnen, Kenntnisse und Fähigkeiten der Ao-Lai angenommen und für sich umgesetzt, ohne jedoch ihre ursprüngliche Identität als Taiyonjin aufzugeben. Auch waren sie auf Shintaiy - von wenigen Ausnahmen abgesehen - weitestgehend unter sich geblieben und hatten sich nur kaum mit der ao-laischen Bevölkerung vermischt. So blieb ihnen ihre Sprache, Schrift und Religion - mit einigen Ergänzungen - erhalten. Da nur wenige Habseligkeiten den Exodus aus Taiyonoshima überstanden hatten, wurde das, was die Zeit überdauert hatte, als besonders wertvoll erachtet und verehrt, die Traditionen gepflegt und das Vermächtnis der alten Heimat in Form von Geschichten, Mythen und Märchen von einer Generation zur nächsten meist mündlich weitergegeben.

Shintaiy im Wechsel der ao-lai’schen Zeitperioden
Die frühen Jahre Shintaiys waren eine friedliche und segensreiche Zeit, auch wenn es im übrigen Ao-Lai weit weniger friedvoll zuging und dort diese Epoche “die Zeit der streitenden Sippen” genannt wurde. Dort stritten die ao-lai’schen Familien-Clans um die Vorherrschaft im Reich in einem mehr als hundert Jahre währenden Krieg bis schließlich zur Machtergreifung von Pu-Chen-Ho, den Sohn des Himmelsherrschers, wie er sich nennen ließ. Shintaiy wurde von seinem Machtstreben zwar auch erfaßt, blieb jedoch weitestgehend sich selbst überlassen.

Doch auch Shintaiy sollte eine Zeit streitender Sippen erfahren. Nachdem mit der Bevölkerungzahl auch der Wohlstand wieder gewachsen war, gelang es den alten taiyon’schen Adelshäusern wieder ihre Macht zu festigen, auch wenn es vielleicht nicht mehr dieselben Adelsgeschlechter waren, die einst in Taiyonoshima den größten Anteil an Macht und Reichtum innehatten. Begünstigt wurde die neuerliche Entwicklung durch den Umstand, daß es dem Enkel von Pu-Chen-Ho, Pu-Chen-Feng, der in Ao-Lai als der stärkste Magier galt, gelungen war, die treibenden Inseln Ao-Lais in geordnete Bahnen zu lenken. So wurde auch der Inselgruppe Shintaiy eine berechenbarere Struktur verliehen. Damit war es den stärker gewordenen Familien-Clans auf Shintaiy möglich geworden, ihre Einflußgebiete auf benachbarte Inseln auszuweiten. In der Folge sollten sich unter den großen Familien etwa ein halbes Dutzend behaupten können, während die kleineren unterworfen wurden oder sich mit dem Status eines Vasallen begnügten.

Auf Ao-Lai war mit Pu-Chen-Feng das sogenannte “Magische Zeitalter” angebrochen. Ihm war der Kult um den Affengott Hou zuwider. Schon sein Vater, Pu-Chen-Sau, hatte diesen Kult verbieten lassen, die Hou-Tempel abgerissen oder zu “Tempeln der Göttlichen Sternstein” erklärt. Hou-Anhänger waren im Reich verfolgt und gedemütigt worden. Aber nur wenigen von ihnen war es gelungen, auf Shintaiy eine Zuflucht zu finden. Dort waren sie zwar sicher vor dem Zugriff von der “Pu-May”, der Häscher Pu-Chen-Fengs, aber sie konnten ihren Gott Hou auch hier nicht erreichen, da der magische Bann, den die Sternstein-Schamanen aufgebaut hatten, ganz Ao-Lai umschloß. Damit war in Shintaiy der Boden bereitet für das Erstarken der unterschiedlichsten Sekten, die ihr Dasein bislang im Verborgenen gehalten hatten, während nunmehr die Priester in den wenigen Hou-Klöstern ein Schattendasein fristeten. Und so blieb Hou nur einer von vielen Göttern, die auf Shintaiy verehrt werden.

Das Ende des “Magischen Zeitalters” wäre beinahe an Shintaiy vorbeigegangen, als auf der ao-lai’schen Hauptinsel Hou-Dau-Yu die Hou-Anhänger nach vielen Jahren der Unterdrückung einen Aufstand heraufbeschworen und in einem glorreichen Kampf gegen die Sternstein-Magie siegten und das “Neue Reich des Hou” ausriefen. Es mag vielleicht seltsam erscheinen, aber Sternstein gehörte nicht zu den Dämonen, die von den Shintaiy verehrt worden sind. Möglicherweise kann es daran liegen, daß die Shintaiy eine ganz andere Auffassung davon hatten, was Magie bedeutete oder wie diese angewandt wurde, als die Sternstein-Magier.

Die Religiösität der Shintaiy
Während der Generationen des Neuaufbaus wuchs die Bevölkerung rasch heran und begann sich über die diversen bewohnbaren Inseln der Shintaiy-Provinz zu verteilen. Hou zu Ehren wurden Tempel errichtet und Feste gefeiert. Und in seiner Großmut ließ er wissentlich zu, daß neben ihm auch andere Götter verehrt wurden. So fanden sich die Anhänger der Sekten, die schon zu Zeiten des alten Taiyonoshima existierten, zusammen und errichteten für ihre Götter - wie z.B. für die Sonnengöttin Hinomaru oder den Mondgott Tsukuyomi - weitere Tempel und Schreine.

Die Shintaiy empfanden eine tiefe Verbundenheit und Religiösität gegenüber der Natur. Jedem besonderen Ort wurde eine lokale Gottheit zugesprochen und in einem Tempel verehrt. Dies waren die Andachtstätten, an denen die Menschen ihren Göttern Spiesen oder Geld als Opfergaben aus Dank für eine gute Ernte oder als Bitte für eine bessere Zukunft darbrachten. Vielfach schrieb man seine Bitten und Wünsche auf einen Zettel und band sie an die Bäume und Sträucher, die um diese Tempel wuchsen.

Den guten Geistern, Kami genannt, von denen man glaubte, daß sie in einem großen Baum, einem besonders schönem Felsen oder Bach wohnten, gedachte man ebenfalls durch Gebete und Opfergaben an vereinzelt erbauten Schreinen. Solche Tempel und Schreine wurden von Priestern der umgebenden Klöster unterhalten. Diese bereiteten auch die beliebten Stäbchen-Orakel vor, bei denen der Besucher eines von vielen, numerierten Bambusstäbchen aus einem Gefäß mit einer kleinen Öffnung schütteltet. Zu der Nummer auf dem Stäbchen gehörte eine Weissagung, die man - gegen Gebühr - bei dem Priester erhalten konnte.

Die eigenen Ahnen verehrten die Menschen an den Hausaltären, wie sie in fast jedem Wohnhaus auf Shintaiy anzufinden waren. Die Shintaiy waren davon überzeugt, daß die Seelen ihrer verstorbenen Angehörigen über sie wachen würden, wenn man ihnen auch weiterhin - wie schon zu Lebzeiten - den nötigen Respekt entgegenbrachte.

Die Bedeutung der Klöster auf Shintaiy
In den verschiedensten Klöstern Shintaiys hatte man sich im Allgemeinen nur am Rande mit der Magie beschäftigt. Sie waren vielmehr Stätten der wissenschaftlichen Bildung und Forschung sowie der philosophischen Erkenntnisse. Wer als junger Mensch das Glück hatte, in einem der bedeutenderen Klöster als Schüler aufgenommen zu werden, erlangte eine umfassende Erziehung und Bildung. Einige der Klöster waren bekannt für die Erforschung und Entwicklung von speziellen Heilpraktiken, manche förderten durch Beobachtung der Abläufe in der Natur speziell die Entwicklung und Verbesserung von Ackerbau und Viehzucht, andere hatten sich völlig den Geisteswissenschaften verschrieben. Gerade diese Klöster waren Zentren der Philosophie, in denen über grundsätzliche Fragen nach dem Sinn und Ziel des Lebens diskutiert wurde. Hierbei fanden traditionelle Glaubensbekenntnisse und -wege der Shintaiy ebenso Eingang wie auch Geistesströmungen, die von außen - speziell aus den ao-Lai'schen Philosophien - hinzukamen, übernommen und weiterentwickelt wurden.

Eine besondere Stellung nahm hierbei die Shinnen-Sekte ein, die losgelöst von der Verehrung bestimmter Gottheiten auf der Suche nach dem Weg der inneren Erleuchtung und der Entwicklung von Weisheit war. Dieser Weg war geprägt von strenger innerer Disziplin und harter Ausbildung in der Klostergemeinschaft. Dies und die zugleich offene, lebensfrohe Ausstrahlung der Shinnen-Priester und -Lehrer führte zu hohem Ansehen und Einfluß der Shinnen-Sekte bis in die Kreise der adeligen Gesellschaft Shintaiys - zumal die Shinnen in beinahe jedem größeren Ort ein Kloster oder einen Tempel unterhielten.

Eine kleinere Anzahl von anderen Klöstern gelangten durch ihre Betätigung als Schulen der Kampfeskünste sogar einen gewissen politischen Einfluß. Formell unabhängig von den regionalen Lehnsherren waren diese Kriegermönche teilweise zu Machtfaktoren geworden, indem sie in den permanenten Fehden zwischen den einzelnen Adelhäusern wechselnd aktiv Partei ergreifen oder aber auch durch bewußt eingesetzte Neutralität die streitenden Fronten voneinander trennen konnten.

Magie als grundsätzlicher Bestandteil der Philosophie der Shintaiy
Zu den philosophischen Grundsätzen der Shintaiy, die schon zu Zeiten des verlorenen Reiches Taiyonoshima Geltung besaßen, gehörte die natürliche Existenz von Gegensätzen wie Tag und Nacht, Mann und Frau, gut und böse, Leben und Tod. Interessanterweise fand die auch in dem ao-lai'schen Prinzip von Yin und Yang seine Entsprechnung. Hier wie dort galt es, daß beide Grundsätze voneinander abhängig seien. So konnten Thesen wie "Die Nacht kann ohne den Tag nicht sein!" oder "Erst das Licht vermag dem Schatten zur Existenz zu verhelfen!" aus beiden philosophischen Lagern entspringen. Das Gleichgewicht der sich entsprechenden Gegensätze entsprach der grundsätzlichen Weltordnung. Für die Shintaiy war die Magie ein ganz natürliches Element des Lebens. Einjeder war zumindest theoretisch in der Lage Magie anzuwenden, allerding bedurfte es für eine gezielte Anwendung starker mentaler Anstrengungen, die ohne eine entsprechend intensive Ausbildung kaum beherrscht werden konnte.

Andererseits konnten gewisse magische Ereignisse auch unwillkürlich geschehen beispielsweise bei einem spontanen Fluch. In beiden Fälle galt jedoch der Grundsatz, daß das Ereignis gleichzeitig zu einem Gegen-Ereignis führte, wobei aber der Ort dieses gegenteiligen Effektes nicht vorher bestimmt werden konnte. Gelang es als Beispiel einem Schüler der Magie, eine Schale mit Wasser durch Konzentration auf diesen Punkt im Raum zum Sieden zu bringen, konnte im gleichen Moment ein in der Sonne blühender Kirschzweig im benachbarten Garten erfrieren, oder aber es passierte ein Dorf weiter vielleicht folgendes: Ein Frosch, der zum Sprung auf ein Insekt angesetzt hatte, fiel abrupt zurück in den Teich, weil sich von einem Moment zum nächsten um seine Füße eine winzige Eis-Scholle gebildet hatte. Da man die Auswirkungen von magischen Gegen-Effekten nicht vorhersagen konnte, war man in den wissenschaftlichen Fakultäten entsprechender Klöster sehr vorsichtig geworden, vermied im Grunde die praktische Anwendung von Magie und beschränkte sich im allgemeinen auf rein theoretische Überlegungen.

Es waren jedoch auch Phänomene beobachtet worden, die nichts mit dieser Form von Magie zu tun haben konnten, sondern eher auf eine Art der Kraft des Geistes zurückzuführen waren, da sie auf den Anwender selbst beschränkt blieben. Die Chronik des Hayikindai-Klosters berichtete von einem Mönch, dem es nach jahrelanger Meditation und Askese gelungen sein soll, sich mittels seiner geistigen Konzentration vom Boden zu erheben und frei durch die Luft zu schweben. Das Experiment hätte ggf. als erfolgreich gegolten, wenn es nicht zu einem tragischen Unfall gekommen wäre. Besagter Mönch verunglückte bei seinem Ausflug schwer, als er hoch in der Luft schwebend einer jungen Wäscherin an einem Bach gewahr wurde. Der Anblick eines nackten Frauenschenkels hatte den Asketen dermaßen aus der Fassung gebracht, daß er die innere Konzentration verlor, unvermittelt abstürzte und sich den Hals brach. Experimente dieser Art wurden daraufhin vom Abt des Hayikindai-Klosters untersagt.

Die Adelskaste auf Shintaiy
Im Gegensatz zu den Kriegen, die den inneren Frieden des untergegangenen Reiches Taiyonoshima über viele Jahrhunderte immer wieder erschüttert hatten, konnte man bei den bewaffneten Feindseligkeiten zwischen den Adelshäusern der Shintaiy kaum von Kriegen sprechen. Zwar verliefen diese Kampfhandlungen häufig nach den überlieferten Kriegsritualen mit traditioneller Schlachteröffnung durch heulende Kriegspfeile und dem Duell ausgewählter Kämpfer und somit auch nicht weniger blutig, aber Shintaiy verfügte längst nicht über die Bevölkerungszahl, um große Armeen auszuheben, die dann gegeneinander antraten. Vielmehr zeichneten sich diese Scharmützel durch kurze, aber heftige Gefechte von wenigen hundert oder tausend Kriegern ab. In vielen Fallen reichte es zur Klärung der Vorherrschaft über ein bestimmtes Gebiet aus, daß sich die rivalisierenden Parteien drohend voreinander aufbauten, um aus der angetretenen Mannschaftsstärke einschließlich die der verbündeten Vasallen abschätzen zu können, zu wessen Gunsten ein möglicher Kampf ausfallen könnte. Die Kontinuität solcher Machtverhältnisse war jedoch nur so lange von Dauer, wie auch die Bündnisse unter den verschiedenen Adelshäusern stabil waren.

Die Herrschaft durch die Gremien des Hofstaates von Shintaiy
Über den Bestand eines solchen Bündnisses entschied weniger die Frage, wer mehr Truppen besaß, sondern eher, wer über mehr Einfluß im Daihyo, dem Hohen Rat von Shintaiy, verfügte. Nachdem mit dem Reich Taiyonoshima auch die Monarchie des Taikyo untergegangen war, herrschte der Daihyo über Shintaiy ähnlich wie seinerzeit der Thronrat von Taiyonoshima mit den Ministern, den Daijin, an seinem Kopf und einem von diesem Gremium gewählten Kanzler, dem regierenden Daijo-Daijin, an seiner Spitze.

Die Mitglieder des Daihyo wurden vom Kokkai bestimmt, der Adelsversammlung von Shintaiy. Formell war jedes Adelshaus berechtigt, einen oder manchmal auch mehrere Vertreter in den Kokkai zu entsenden, allerdings konnten sich dies nur die wirklich wohlhabenden Familien auch leisten. Es bedurfte nämlich für den Kokkai-gi-in (Abgesandten) zur Ausübung seines Mandates, daß er im Grunde permanent in der Hauptstadt Tokoro-no-Seifu anwesend sein mußte. Anwesenheit bedeutete hierbei aber gleichzeitig auch die Ausübung von Repräsentationsverpflichtungen gegenüber der sonstigen adeligen Gesellschaft für den Abgesandten, um sich seine gesellschaftliche Stellung und den Rang im Kokkai zu sichern. Im Ganzen war dies eine eher kostspielige Angelegenheit, so daß es den meisten kleinen oder weniger begüterten Familien versagt blieb an dieser Hofgesellschaft teilzunehmen. Wie im alten Taiyonoshima hatte sich damit im Laufe der Zeit wieder ein höchst dekadenter Hofstaat gebildet, der sich im Wesentlichen mit sich selbst beschäftigte. Da Shintaiy jedoch über keine Monarchie mehr verfügte, gruppierte sich das Treiben des Hofstaates um den Daihyo und besonders den Daijo-Daijin.

Der politische Einfluß von Ao-Lai auf die Provinz Shintaiy
Unbestritten - auch von Kokkai und Daihyo - war die Tatsache, daß Shintaiy formell immer noch eine Provinz Ao-Lais war. Hierfür hatte schon die nachhaltige Schrenckensherrschaft Pu-Chen-Ho's gesorgt. Er war jedoch geschickt genug, sich seine Interessen auf Shintaiy dadurch zu sichern, daß er bestimmte Adelhäuser förderte, ohne selbst in Erscheinung zu treten. Sein Sohn, Pu-Chen-Sau, war hierbei in seinen Mitteln schon direkter. In einer politisch instabilen Situation, als der regierende Daijo-Daijin einem plötzlichen Unglück zum Opfer fiel und sich kein geeigneter Nachfolger im Daihyo finden ließ, der die Provinz hätte führen können, ernannte er einen seiner Gefolgsleute zum Daogun als Fürsten über Shintaiy.

Seit dem sog. Magischen Zeitalters wurde von den damaligen Herrschern Ao-Lais das Privileg der Einsetzung eines solchen Fürsten nicht mehr genutzt. Mit der Theokratie der Jade-Familie beschränkte sich der Ao-Lai'sche Einfluß auf die Entsendung eines Shencha. Dies war ein Zensor, der anonym durch die Provinz reiste, beobachtete und dem Sheng Bericht erstattete. Durch ein beonderes Siegel hätte sich ein Shencha aber auch ausweisen und aufgrund seiner Befugnisse eingreifen können, wenn die Situation es erfordert hätte, sogar eine Verordnung des Daihyo oder einen Befehl des Daijo-Daijin außer Kraft setzen können. Hiervon hatte ein Shencha nur sehr selten Gebrauch gemacht.

Erst in der jüngsten Vergangenheit Shintaiys war es nach langen, eher friedlichen Jahren wieder zu vermehrten Unruhen in der Provinz gekommen. Als diese sogar Einfluß auf benachbarte Provinzen genommen hatten, griff Sheng LaoSheng erstmals wieder auf Shintaiy ein. Die Berichte, die der Sheng von seinem Zensor erhielt, waren besorgniserregend. Sie führten LaoSheng zu der Erkenntnis, daß die Provinz Shintaiy nicht allein durch äußere Interventionen befriedet werden konnte sondern langfristig nur von innen heraus durch eine entsprechend starke, integrative Führungspersönlichkeit. Da es der schwachen Daijo-Daijin an dieser Führungsqualität vermissen ließ, setzte der Sheng ihn per Dekret ab. Schließlich fand er in Tozan Toragashi - einem Mitglied der Jade-Familie - eine qualifizierte Person, die selbst von einer alten Adelsfamilien Taiyonoshimas abstammte. Diesen Vertrauten ernannte der Sheng zum Daogun, womit er das alte Privileg eines Herrschers von Ao-Lai nach Jahrhunderten zum ersten Mal wieder in Anspruch nahm. Mit dieser Ernennung hegte der Sheng die Hoffnung, daß Toragashi, der die Mentalität der Shintaiy verstand, von der dortigen Bevölkerung als Fürst anerkannt würde und es ihm damit auch gelänge, in der Provinz wieder für stabile und ruhige Verhältnisse zu sorgen.

Thomas Grobe


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