Geisterwelt
Der Glaube
In der Glaubenswelt der Ao Lai wird mit dem Tod eines Menschen seine Seele
an einen höheren Ort gerufen, die Ebene der Toten[Jïngshén guó (Geisterreich)].
Hier entscheidet das Gericht des Himmels[Tian cài] über den weiteren Verbleib
der Seelen[Rén]. Die Ao Lai glauben, das sich in Himmel[Tian] und Hölle[Dïyù],
die Götter[Shén] und Engel[Tianshi] bzw. die Dämonenfürsten[Èmó Xian Sheng]
und Dämonen[Èmó] aufhalten.
Ein gestorbener Ao Lai sollte, um im Jenseits Glückseligkeit erlangen zu können,
unverstümmelt begraben werden. Insbesondere Kopf und Körper sollten nie getrennt
in der Erde ruhen. Erdbestattung und Urnenbestattung werden gleichberechtigt
nebeneinander benutzt. Gräber werden nicht mit Identifikationszeichen markiert.
Lediglich auf dem Hausaltar wird eine hölzerne Stele für den Verstorbenen aufgestellt.
Einen wichtigen Teil des Lebens in Ao-Lai bildet die Ahnenverehrung, da die Menschen
glauben, dass die Geister der Ahnen sich rächen, wenn ihnen nicht der gebührende
Respekt entgegengebracht wird. Mit den Opfern, die die Lebenden den Toten darbringen,
stellen sie die Versorgung der Ahnen auf der Ebene der Toten sicher. Opferungen
(einschließlich Papieropfer) finden normalerweise im Tempel, an Begräbnisstätten
oder vor den Stelen des Hausaltars statt.
Die Ankunft
Sterben die Ao Lai, werden ihre Seelen durch die Begräbnisrituale von ihrem Körper
befreit oder verlieren diesen Kontakt nach einiger Zeit von alleine. In dieser
Zeit sind sie angreifbar für die wenigen magisch begabten Totenbeschwörer.
Normalerweise "versickert" eine Seele im Boden und gelangt so in das Reich der
Toten. Hier ist der Geist aufgefordert, sich dem Gericht des Himmels zu stellen
und seine gerechte Strafe zu empfangen. Wer die Kraft aufbringt und sich weigert,
dem Ruf des Himmlischen Gerichts nachzukommen, kann als Geist in die Welt der
Lebenden zurückkehren.
Landschaft und Klima
Ao-Lai und die Ebene der Toten sind, soweit Ausdehnung Lage und Bewegung der Inseln
betroffen sind, identisch. Es gibt aber keinerlei natürliche Fauna oder Flora.
Der Himmel über der Totenebene ist braun, was daran liegt, dass die Totenebene
unter der Erde liegt. Ein Lebender, der auf die Ebene gelangt, wird feststellen,
dass das Land im Griff einer eisigen Kälte liegt. Der ständig wehende Wind und
der Kältenebel werden ihm die Lebenskraft aussaugen und wo in Ao-Lai die Weiten
des Ozeans liegen, existiert hier ein Meer aus Eis. Die lebensfeindlichen Bedingungen
haben auf Geister keinen Einfluss, sie nehmen die Kälte nicht wahr.
Bevölkerung
Neuankömmlinge erscheinen in ihrer ehemals körperlichen Gestalt, wenn auch mit
einer blassen, fast weißen Hautfarbe. Sie tragen weite weiße Gewänder und manche
von ihnen das Abbild eines mit ihnen verbundenen Gegenstands (Schale eines Bettlers,
Schwert eines Kriegers usw.). Willensschwache Geister bleiben diesem Bild für
den Rest ihrer Existenz verhaftet. Andere lernen, ihr Aussehen und ihre Kleidung
willentlich zu verändern. Eine echte Gestaltwandlung bleibt den willensstärksten
Geistern vorbehalten (ihnen sind Verwandlungen in die Gestalt anderer Geister,
Menschen oder nichtmenschlicher Vorbilder und Horrorgestalten möglich).
Auch andere mystische Fertigkeiten erwerben die Geister im Laufe der Zeit. Hierzu
zählt die Zeitlose Reise[Zaode Luxíng] an den Ort der Ankunft (hier erscheinen
die Opfergaben seiner Nachfahren) wenn sein Name in Gedenkgebeten benutzt wird
und die vampirische Nutzung der Energie anderer Geister.
Versorgung
Hier wird deutlich, wieso die Ahnenverehrung in Ao-Lai so wichtig ist. Sämtliche
Güter, die den Geistern zur Verfügung stehen, bilden sich durch die Opfer, die
zu Ehren der Ahnen dargebracht werden. Die häufigsten Opfergaben sind Speisen,
Getränke, Räucherstäbchen und verbrannte Nachbildungen von Dingen des täglichen
Lebens aus Papier.
Speisen, Getränke und Rauch verstärken und erhalten die Lebenskraft eines Geistes,
die Papierobjekte nehmen die Form ihrer Vorbilder an, sind aber nicht von Dauer.
So ist ein ständiger Zustrom der Geschenke von Gläubigen notwendig, um den Lebensstil
eines Geistes zu erhalten.
Geister, deren nicht gedacht wird, sind die schwächsten Mitglieder der Gemeinschaft,
sie haben den Status von Bettlern oder Aussätzigen und "leben" von den Resten
der Gesellschaft. Hierzu gehören auch die Opfergaben, die zu Ehren von Toten erbracht
werden, die inzwischen wiedergeboren wurden oder in Himmel und Hölle eingegangen
sind.
Sozialstruktur
So wichtig und bestimmend die Familie oder familienähnliche Gruppen in Ao-Lai
sind, hier fehlen sie völlig. Es gibt allerdings dorfähnliche Gemeinschaften,
die aber durch die Vergänglichkeit der Häuser ständigen Veränderungen unterworfen
sind.
Auch das Fehlen der ethischen Elite macht sich natürlich bemerkbar, da die Geister
von Ao-Lai, deren Leben von keinen oder nur kleinen Verfehlungen überschattet
ist, nur kurze Zeit auf der Ebene verweilen, bevor sie dem Ruf der Wiedergeburt
oder der Beförderung in himmlische Gefilde folgen. Dass auch die Geister von Menschen,
deren schlechter Lebenswandel außer Frage steht, nur kurz auf der Ebene der Toten
bleiben, bevor sie in der Hölle landen, ist nur ein schwacher Trost.
Neben den Geistern, deren nicht gedacht wird, gibt es eine weitere Gruppe von
Geistern, die sich im Bodensatz der Totenebene wiederfinden. Dabei handelt es
sich um die Verstümmelten. Die Geister von Toten, deren Körperteile nicht gemeinsam
begraben wurden, müssen Zeit ihrer Existenz die abgetrennten Teile mit sich führen.
Dies führt zu teilweise sehr grotesken Formen geisterhafter Existenz.
Als letzte Gruppe sind noch die Selbstmörder zu nennen. Sie haben nur eine Chance,
die Ebene jemals wieder zu verlassen. Sie müssen dafür sorgen, dass ein Lebender
zu Tode kommt, der dann ihre Stelle einnehmen muss.
Minderheiten
Die in Ao-Lai befindlichen Minderheiten (Shintaiy, Tiergeister und Nichtmenschen)
sind auch hier zu finden, sofern ihnen eine Seele eigen ist und sie nicht über
eigene Vorstellungen von einem Leben im Jenseits verfügen.
Eine andere Gruppe, auf die der Begriff Minderheit nur unvollkommen zutrifft,
sind die Dämonen, deren Existenzraum unterhalb der Ebene der Toten beginnt. Sie
sind die Geißel der Geister, denn ihre Überfälle kommen überraschend. Sie zerstören
oder stehlen die Opfergaben der Nachfahren und zwingen Geister in ihre Dienste.
Regierung und Verwaltung
Es gibt nur zwei unvergängliche Bauwerke auf der Ebene, das Gericht des Himmels
und die Festung des Herrn der Toten[(Rén Sheng) Baolei].
Das Gericht des Himmels: Hier haben sich alle Neuankömmlinge zu melden. Ihnen
wird der Prozess der Gerechtigkeit[Sùsòng ta Shenpàn] gemacht, in dem alle guten
und schlechten Taten ihres letzten Lebens gegeneinander abgewogen werden und in
eine zu erduldende Strafe münden. Aufenthalt auf der Ebene der Toten für mindere
Verfehlungen, befristete Folterstrafen in den Höllen der Schmerzen, Wiedergeburt
oder Berufung in himmlische oder dämonische Sphären stehen zur Wahl. Das Gericht
ist der einzige Ort mit einem offiziellen Übergang in Himmel und Hölle.
Dem Gerichtspersonal steht eine Einheit Wachsoldaten[Shouwèi] zur Verfügung. Alle
Angestellten des Gerichts sind Geister, deren "Strafe" diese Tätigkeit einschließt.
Lediglich der oberste Richter ist ein Gesandter Hous, des Affengottes[Hou].
Die Festung des Herrn der Toten: Die oberste Instanz (außer für Rechtsprechung)
ist der Herr der Toten. Er soll dafür sorgen, dass sich die Übergriffe aus den
Gefilden der Dämonen in Grenzen halten oder dass Dekrete des Affengottes umgesetzt
werden. Als Beispiel sei hier die Anordnung genannt, nach der den Göttern Magiras
eine Armee zur Verfügung gestellt werden musste.
Nachdem dieses Amt lange Zeit von Sternsteinmagiern korrumpiert worden war, ist
seit einigen Jahren wieder ein rechtmäßiger Herr der Toten im Amt (Chiang Lung
Bái[Sohn des Drachen - Chiang Lung; Beiname "der Weiße" Bái, da er meist in Kleidung
dieser Farbe auftritt], der Geist des gestorbenen Sheng Deng Chiang Lung), der
es schwer hat, seinen Aufgaben gerecht zu werden, da er erst einmal seinen Amtssitz
von Korruption und Klüngelei mit Dämonen reinigen muss.
Interaktion mit Ao-Lai bzw. Magira
Götter
Die Glaubensgemeinschaft der Ao Lai, die sich der Anbetung des Affengottes Hou
gewidmet hat, bestimmt das religiöse Leben des Reiches bis hin zu den wichtigsten
politischen Entscheidungen. Die Ao Lai wissen sehr wohl, daß im Himmelspalast
noch andere Götter existieren, doch haben sie sich bewußt für den einzigen Gott
entschieden, der sich ihrer in höchster Not annahm (siehe "Abenteuer in Ao-Lai",
Kapitel: Geschichte). Andere religiöse Gruppen haben bestenfalls einen Sektenstatus.
Hou ist ein lebendiger Gott, das heißt, er greift durchaus in das Leben seiner
magiranischen Gläubigen ein, sei es mit göttlichen Manifestationen oder mit affigen
Streichen. Als Beispiel sei hier die Wette angeführt, die er mit Billy the Cristal
(einem Gott der Qun) einging. Als Folge davon kehrte ein Armee wiedergeborener
Seelen in Affenkörpern nach Magira zurück und begann einen Bekehrungsfeldzug auf
der Alten Welt.
Dämonen
Durch die Beschwörung von Dämonologen oder Dämonenpriestern auf die Welt gerufen,
können sie schlimmes Unheil anrichten. Auch Flüche und magische Rituale von unachtsamen
Möchtegernzauberern haben schon für zerstörerische Manifestationen gesorgt.
Wiedergeborene
Dies ist der normale Weg von Geistern/Seelen um nach Magira zurückzukehren.
Ein Teil der geborenen Kinder erhält keine neue Seele, sondern die wiedergeborene
Seele eines verstorbenen Ao Lai. Da ihre Erinnerungen auf dem Weg der Transformation
verloren gehen, ist der Unterschied marginal.
Gespenster/Geister
Eine Seele, die sich weigert, in das Reich der Toten einzugehen, oder von
einem Nekromanten eingefangen wird, bleibt als Gespenst auf der magiranischen
Ebene zurück und fristet dort ihre traurige Existenz. Im Dienst ihres Herrn
oder eigener abstruser Wertvorstellungen bringen sie mehr Unglück als Gutes
über die Menschen. Ihre Stärke ist ihre magische Kraft und ihr großer Nachteil
ist ihre Vernichtung durch Sonnenlicht.
Kuei-Jin
Die Gesandten des Herrn der Toten sind körperliche Manifestationen von Geistern.
Der Prozess ihrer Werdung durchläuft verschiedene Phasen. Die erste Phase nach
ihrer Erschaffung sind die Chin-Mei, eine zwar menschenähnliche Form, aber bar
jeglicher menschlicher Gedanken. Sie sind nicht mehr als tollwütige Tiere, die
nach menschlichem Fleisch und Blut gieren, um ihre Existenz aufrecht zu erhalten.
Überleben sie diese Phase und bekommen sie genug Nahrung, erwacht in ihnen der
Geist des Gesandten. Ab diesem Zeitpunkt können sie als "normale" Vampire gelten.
Sie ernähren sich noch immer vom Blut der Menschen, können aber Kraft ihres
Willens vermeiden, ihre Opfer zu töten. Die letzte Stufe, die vollwertigen Kuei-Jin,
ernähren sich von der reinen Lebenskraft der Menschen. Damit können sie noch
immer einen Menschen töten, doch ist es unauffälliger, von vielen wenig zu nehmen,
als alles von einem.
Lediglich die willensstärksten der Kuei-Jin können den Strahlen der Sonne ohne
Schaden wiederstehen.
Gedenktag
An einem besonderen Tag im Jahr, dem Tag der Toten[Fengsú wú yòng de], ist
die Grenze zwischen der Ebene und Magira sehr leicht zu durchdringen. Es kommt
zu verstärkten Geistererscheinungen in der Welt der Lebenden. Dies führt in wohlwollend
verbundenen Familien zu größeren Treffen der Verwandtschaft. In Familien, in denen
das Verhältnis zu den Ahnen eher gestört ist, ist dieser Tag Anlass für Konsultationen
von Geistervertreibern oder anderen Schutzmaßnahmen. Eine besondere Gefahr geht
an diesem Tag von den Geistern der Selbstmörder (s.o.) aus. Sie warten nur auf
eine Gelegenheit, um unachtsame Reisende in den Tod zu treiben.
Harald Zubrod
Update [26. Mai 2004]: Weitere
Infos zum Geisterreich